Umgang mit dem Leistungsanspruch/ Selbstwert (#26 2017)

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Im Wochenthema wird jede Woche ein bestimmtes Thema besprochen.
sahara
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Umgang mit dem Leistungsanspruch/ Selbstwert (#26 2017)

Beitrag von sahara » Montag 26. Juni 2017, 21:08

Hallo alle zusammen,

Ich möchte mal anfangen und ein Thema in die Runde bringen,
Leistung.... Bin ich etwas Wert , auch wenn ich nichts leiste... stelle ich mal provokant hinein.

Der Selbstwert setzt sich ja aus verschiedenen Dingen zusammen. Unter anderem Leistung . Er speist sich noch aus anderen Dingen
Selbstakzeptanz
Selbstvertrauen
soziale Kompetenz
soziale Einbindung

Selbstakzeptanz und Selbstvertrauen bilden die innere Basis unserer Persönlichkeit
Soziale Kompetenz und das soziale Netz sind die zwischenmenschliche Ebene , die gerade bei Wegbruch der Säule Leistung sich verändert. Und auch zur Schwächung des Selbstwertes führt.



Wie findet ihr das Thema? Könnt ihr damit etwas anfangen?

Leistungseinbruch in der Arbeitswelt
verminderte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben durch die PtBS

welche Ideen habt ihr, sich da ein anderes Standbein als "Krückstock" für das Leistungs-Ich zuzulegen.
Denn da entsteht zumindest bei mir ganz massive eigene Abwertung durch frühere innere Leistungsträger

Also , wäre es ein Thema?
Zuletzt geändert von lotus am Dienstag 27. Juni 2017, 09:00, insgesamt 1-mal geändert.
Grund: Datum im Titel hinzugefügt.
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Fanti
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Re: Umgang mit dem Leistungsanspruch/ Selbstwert

Beitrag von Fanti » Montag 26. Juni 2017, 21:11

Ist das erst die Frage, ob das Thema okay ist, oder auch die Einladung, sich dazu zu äußern?
Nicht, dass ich euch ein Schnitzel an die Backe hefte ubd es mag gar keiner daürber reden :oops:

sahara
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Re: Umgang mit dem Leistungsanspruch/ Selbstwert

Beitrag von sahara » Montag 26. Juni 2017, 22:28

Liebe Fantii
, ich finde das thema gut und lade alle ein sich dazu zu äußern.
Habe den Mut zu leben, denn sterben kann jeder (Frida Kahlo)

Dreg
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Re: Umgang mit dem Leistungsanspruch/ Selbstwert

Beitrag von Dreg » Dienstag 27. Juni 2017, 01:19

Sich über Leistung zu definieren ist problematisch.
Ich war ja auch sehr leistungsbezogen.....und als ich ptbs bekommen habe, wollte ich auch unter allen Umständen wieder leistungsfähig werden....was dann natürlich zum Burn - out geführt hat.
Ich sage auch......ja, die Glücklichen. Die ihre Traumausbildung hatten, in dieser aufgegangen sind und an nichts gehindert worden sind...
Letztens wurden z.B. Beispiel zwei Polizisten suspendiert, sie waren etwas grob zu einem Autofahrer.
Diese hatten bestimmt auch Träume und waren stolz Polizisten zu sein, für Recht und Ordnung zu sorgen.
Nach der Suspendierung sind diese bestimmt auch in eine Depression verfallen....oder haben sogar eine PTBS entwickelt...
Man kann natürlich sagen, es gibt zwischen Menschen kein Unterschied, ob jung oder alt, ob gebildet oder ungebildet,oder ob arbeitslos oder berufstätig.Das stimmt auch so.
Aber ich glaube, dass es eine tiefe Unzufriedenheit im Menschen gibt, wenn er sein Potential nicht mehr ausschöpfen kann, weil ihm die Krankheit einen Strich durch die Rechnung gemacht hat.
Gute Zeugnisse, langjährige Berufserfahrung gibt einem bestimmt selbstsicherheit...
Es ist halt aus meiner Sicht ein Damokles Schwert.....man will.....aber man kann nicht, oder man darf nicht.
Das Selbstwert über pure Leistung zu definieren halte ich für falsch.....ich glaube, es liegt eher daran,dass man daran gehindert worden ist, dass man sich selbstverwirklichen konnte.......was einen dann auch zu Recht stagnieren lässt.
Bei uns in der Tagesstätte, oder die Leute vom betreuten Wohnen...,
die scheinen sich damit abgefunden zu haben.....ich möchte nicht sagen, dass sie unglücklich sind.
Sie spielen jeden Tag Karten, manche schreiben Leserbriefe an die Zeitung, oder Kochen da an den entsprechenden Tagen.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich wirklich der unglücklichste da bin und einer der kränksten....ich rede nicht viel, isolier mich und bin total unzufrieden mit meiner Situation und dem Ding sich mit dieser Situation einfach zufrieden zu geben.

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Tafel
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Re: Umgang mit dem Leistungsanspruch/ Selbstwert

Beitrag von Tafel » Dienstag 27. Juni 2017, 07:42

Mich beschäfigt oder belastet dieses Thema ja auch sehr. Ich merke gerade die ungesunden Auswirkungen eines überhöhten Leistungsanspruchs. Ich schreibe später mehr dazu.

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lotus
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Re: Umgang mit dem Leistungsanspruch/ Selbstwert (#26 2017)

Beitrag von lotus » Dienstag 27. Juni 2017, 09:14

Ich kann nur jedem raten sich dem Mantra "ich bin nur das was ich leiste" nicht zu unterwerfen.

Oft erwarten unsere Mitmenschen ein bestimmtes Verhalten und knüpfen dieses an Bedingungen.
Beispiel Familie: Wenn du nicht Karriere machst, dann gehörst du nicht mehr zur Familie.

Das ist bedingte Liebe. Du bist nur dann was wert, wenn du etwas für uns tust.

Hand aufs Herz,... jeder der darüber nachdenkt, weiß, dass wir so unser Miteinander nicht organisieren wollen. Kein Mensch ist perfekt und doch ist jeder Mensch bzw. jede Form von Leben ein Wunder für sich.

Ich poste mal hier eine Lyrik der Band "Bermooda" des Songs "Sklave:
Sklave

Str. I

Sie wollen, dass du einen guten Job machst,
auf die Schule Bock hast,
damit du später einen guten Job hast und
dich nicht fragst, Alter was soll das?
Gibts fürs Leben nicht noch einen anderen Kompass,
als das ganze Rumgelaber von Arbeitsplatz und Wachstumsindustrien,
Karriereplanungen und Jobs und was kann ich verdienen, ja!
Verdien dich mal schön dumm und dämlich,
als Diener des Systems und dann beschwer dich!
Wer hat dich krank gemacht der Job wars,
sie wollen, dass du einen guten Job machst für sie,
dir den ganzen Tag nen Kopf machst für sie,
und dann Kopfschmerzen kriegst, denn du verlierst Energie,
und das Geld ist zu wenig, aber du hast Familiy.
Und musst Dinge tun, auf die du keinen Bock hast,
du träumst von einer Welt in der du keinen Boss hast,
keinen der dich mobbt und keinen der dich sieht als Opfer,
und einem Seelenleben das nicht aussieht wie ein Schrottplatz!

Ref.

Du weißt nicht was sich hinter den Türen der Welt verbirgt
und Vorsicht ist geboten manche Türn gehen nicht wieder zu,
doch eins ist sicher wir spüren wie ein Teil der Welt stirbt,
es ist die Zeit gekommen für die nächste Seite im Buch!

Str. II

Seit Jahrhunderten wollen sie, dass du für sie einen guten Job machst,
dich für sie opferst, du die Ellenbogen für ihren Job hast,
dann kannst du Dinge kaufen, dich mit anderen Sklaven messen,
dich mit ihnen in Gruppen treffen, den anderen zeigen ihr seid die Besten,
deinen Wert künstlich erheben, indem du andere erniedrigst,
deine Scheine zählen, dafür leben, dass du von denen immer mehr kriegst,
es ist ein geheimer Krieg der reichsten auf diesem Planeten,
und ihr lasst euch brav zur Schlachtbank führen von falschen Propheten,
den Gestaltern dieser Welt, die uns gerne einen erzählen,
wir sollen gehorchen und glauben, wir wären zu klein um was zu ändern,
die Tatsachen verdrehen und das Märchen von gut und böse,
Kriege und Frevel im Schatten von medialem Getöse,
ja bist du denn geimpft? Und hast du das beantragt?
Hast du Post vom Anwalt? Und zahl was du zu zahlen hast!
Ich lehn das ab und ich prangere das an,
und ich bringe Mut auf, um so frei zu sein wie ich nur kann!

Ref.

Du weißt nicht was sich hinter den Türen der Welt verbirgt
und Vorsicht ist geboten manche Türn gehen nicht wieder zu,
doch eins ist sicher wir spüren wie ein Teil der Welt stirbt,
es ist die Zeit gekommen für die nächste Seite im Buch!

Str. III

Sie wollen, dass du einen guten Job machst,
auf die Schule Bock hast, damit du später einen guten Job hast,
und dich nicht fragst, Alter was soll das?
Was soll das? Was soll das hier?
Wir haben es erkannt!
Wir geben Liebe, leisten friedlich Widerstand,
für unsere Brüder, unsere Schwestern, unser Land,
und die ganze Welt steht Hand in Hand,
bis keiner mehr für euch einen unterbezahlten Job macht,
und eure Gier vor der Würde des Menschen stop macht!
Yeeah!
Bis keiner mehr für euch einen unterbezahlten Job macht,
und eure Gier vor der Würde des Menschen stop macht!
- Solange Menschen denken, dass Tiere nichts fühlen, müssen Tiere fühlen, dass Menschen nicht denken.
- Es ist kein Zeichen von Gesundheit an eine kranke Gesellschaft gut angepasst zu sein.

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Re: Umgang mit dem Leistungsanspruch/ Selbstwert (#26 2017)

Beitrag von Edam » Dienstag 27. Juni 2017, 11:52

Puh...schwieriges Thema, was mich selbst sehr belastet.

Ich hadere immer noch damit, daß ich aufgrund der PTBS, vor allem durch die erhebliche Retraumatisierung dauerhaft und voll erwerbsgemindert bin.(es hätte halt verhindert werden können, hätte ich zur richtigen Zeit, die richtige Hilfe bekommen und aus dem Grund schmerzt es wirklich ungemein) :cry:

Und natürlich wollte ich früher mal einen Job machen, bei dem man gut verdient, weil ich arm aufgewachsen bin und es besser machen wollte, nicht ständig an der Armutsgrenze weiter leben wollte und mich tagtäglich fragen muß wie es weiter gehen soll.(sowas kann eben auch krank machen)
Aber eigentlich hätte ich gerne einen Beruf gemacht, der mich glücklich und ausgefüllt hätte, wie zB. doch nochmal studieren im Bereich freie Kunst und Literatur.Ich bin immer wieder zu tiefst unglücklich, daß ich da so ausgebremst wurde, allein weil ich gerne was leisten würde, für mich selbst vor allem und sehe wieviel Talent/Potential in meinem Fall auch brach liegt.

Was letztendlich aber wirklich zum absoluten Tiefpunkt geführt hat, waren halt die Erwartungshaltungen von außen...macht man nichts, ist man nichts!(da fragt auch keiner, ob man nicht kann oder will...man ist nur noch Mensch zweiter Klasse)
Das hat mich wirklich ein Stück mit gebrochen...ich würde so gerne was tun!

(durch die Krankheit immer so an die Grenzen zu geraten, ist für mich immer wieder niederschmetternd ohne Ende, leider ist die damit einhergehende Armut auch ein großer Triggerpunkt, der mit viel Angst/Panik besetzt ist und den ich halt tagtäglich erdulden muß)
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Re: Umgang mit dem Leistungsanspruch/ Selbstwert (#26 2017)

Beitrag von gospelsinger » Dienstag 27. Juni 2017, 14:16

Ich bin mit bedingungslosem Leistungsdruck aufgewachsen. Und egal, wie sehr ich mich anstrengte, es war meinen Eltern nie genug. Wichtig war, was die anderen, die Nachbarn dachten. Der Leistungsdruck ist für mich zum Lebensbegleiter, zu meiner Messlatte geworden, ob ich überhaupt lebenswert bin. Und damit auch liebenswert. Liebe musste ich mir mit Leistung erkaufen, mir absolutem Gehorsam und Unterordnung. Ich versuche noch heute, Liebe von meiner Familie, Freunden, Nachbarn durch Leistung und Unterwürfigkeit zu erreichen. Dadurch gehe ich regelmäßig weit über meine Grenzen und wunderte mich jedesmal,wenn ich wieder zusammenklappe.
Die Gedanken sind es, die das Leben des Menschen glücklich oder unglücklich machen.
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Re: Umgang mit dem Leistungsanspruch/ Selbstwert (#26 2017)

Beitrag von Fanti » Dienstag 27. Juni 2017, 15:42

Der Selbstwert lässt sich durch Erfolgsgefühle steigern.
Dabei ist Erfolg für jeden etwas Anderes.
Ich habe mir früher den Arsch aufgerissen und war zu Hause trotzdem "nie genug". Und alles in mir schreit, dass ich immer noch nie genug sein kann. Das macht es mir schwer, meine Grenzen wahrzunehmen und sie nicht andauernd zu übertreten.
Letztendlich mache ich jetzt (bzw. nach der Klinik) eine RPK (Reha für psychisch Kranke), um wieder arbeiten zu können.

Ich fänd´ es unvorstellbar, EU-Rente zu beziehen. Also für mich. Ich würde das nicht verkraften können. Ich liebe meinen Beruf und ich will ("muss") wieder zurück. Das ist für mich immer ein Strohhalm, wenn ich daran denke, dass ich das alles auch dafür mache.
Ich glaube, würde das wegfallen müssen, würde ich mir Ehrenämter und Vereine suchen.
2x Tischtennis, 1x Kinderturnen, 2x Tierheim mit Hunden Gassi gehen - So bin ich jeden Tag irgendwo.
In größeren Städten gibt es auch sowas wie "Tagesstätten"/"Begegnungsstätten" für psychisch Kranke. Wenn einem das liegt, wäre das auch was. Auch Selbsthilfegruppen könnten eine Unterstützung sein.

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Re: Umgang mit dem Leistungsanspruch/ Selbstwert (#26 2017)

Beitrag von Edam » Dienstag 27. Juni 2017, 18:30

Problem an Ehrenämtern ist, daß auch dort erwartet wird, daß man 100 % gibt...wenn man dafür zu krank ist, wird auch daraus nichts!(Ehrenamt wollte ich schon immer mal machen, bin aber einfach zu überfordert und ausgebrannt mit allem)

Vor allem wird einem jeder dann sagen, wenn man soviel neben her leistet, daß man dann auch arbeiten gehen kann und ich finde das auch nicht ganz so abwegig.(irgendein Psychiater hat mich auch mal gefragt, ob ich feiern gehe...da war ich noch jünger und ich meinte zu ihm, wenn ich die Kraft zum Feiern gehen hätte, könnte ich auch arbeiten und das hatte gesessen und wohl den Unterschied gemacht zwischen denen, die nicht wollen oder wirklich nicht können)

Und ja, es war auch bei mir immer Ziel so gesund zu werden, daß ich arbeiten gehen kann...sonst wäre ich ja nicht von einer Therapie zur nächsten gelaufen; oft reicht wollen alleine nicht aus!
...out of order...

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Re: Umgang mit dem Leistungsanspruch/ Selbstwert (#26 2017)

Beitrag von Tafel » Dienstag 27. Juni 2017, 19:42

Was ich merke, ist, dass der zu hohe Anspruch oft aus mir selber kommt. Ich kann Dinge, die mir leicht fallen, nicht als Leistung sehe, weil ich mich dafür ja nicht anstrengen musste. Ein große Rolle spielt bei mir außerdem, dass ich mich schlecht abgrenzen kann und dadurch mehr mache als ich eigentlich müsste oder tatsächlich will. Es gibt die Gedankenfalle, dass es nie genug ist, was ich tue, damit ist vorprogrammiert, dass ich mich permanent überfordere und mich trotzdem schlecht fühle, weil es nur an mir liegt, dass es sich nach zu viel anfühlt. Ich hoffe, dass ich es schaffe, aus diesem Teufelskreis auszusteigen. Es wird zu schnell das Stresssystem hochgefahren, wenn ich mich unter Leistungsdruck fühle.

Bezüglich des Ehrenamtes habe ich eine etwas andere Meinung als Edam. Die Motivation für ehrenamtliches Engagement ist in der Regel eine andere als die fürs Arbeitsleben und das Stresslevel ist (je nachdem wie intensiv man das betreibt) i.d.R. nicht so hoch. Als erwerbsunfähiger Mensch betreibe ich einen Ehrenamt nicht nebenbei, sondern in dem zeitlichen Rahmen, in dem mir das möglich ist. In den meisten Fällen sind das weniger als drei Stunden am Tag. Ich finde es eine gute Sache, etwas zu tun, das ich gerne mache, auch wenn ich nicht in der Lage bin zu arbeiten. Ich sehe für mich beim Ehrenamt aber auch die Gefahr, mich damit zu überfordern, bzw. habe diese Erfahrung bereits gemacht, als ich im Vorstand einer Eltern-Initiativ-Kita saß.

Wenn ich keine Erwerbsarbeit hatte, habe ich mich weniger wert gefühlt, weil ich trotz Kindern das Gefühl hatte, eigentlich nur faul herum zu sitzen. Ich habe Angst davor, dauerhaft erwerbsunfähig zu werden, weil es meine Selbstzweifel und mein mangelndes Selbstwertgefühl eher verstärken wird. Da tauchen sofort Sätze auf, dass ich nur zu faul und bequem bin, dass ich mich nicht anstrengen will etc.). Bei anderen kann ich das ganz anders sehen als bei mir selber.
Zuletzt geändert von Tafel am Donnerstag 29. Juni 2017, 07:10, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Umgang mit dem Leistungsanspruch/ Selbstwert (#26 2017)

Beitrag von Trazor » Dienstag 27. Juni 2017, 23:17

Mir fällt es schwer keine Leistung zu erbringen, jetzt gerade pausiert mein Studium, immer wenn jemand das Thema darauf bringt habe ich das Gefühl mich rechtfertigen und entschuldigen zu müssen dafür dass ich zur Zeit zu krank bin. Mir fällt es auch immer wieder schwer mir das selbst einzugestehen.. am anfang des Semesters wählen wir Kurse ich stelle mir immer eine 40-Stunden Woche zusammen will Kurse aus mindestens 2 besser 3 Semestern besuchen und bin dann frustriert wenn ich nach zwei Wochen merke es klappt nicht. Fürs nächste Semester nehme ich mir vor weniger Kurse zu besuchen, 4 Stunden am Tag sind denke ich ausreichend um zumindest wieder einzusteigen.
Dieses starke Leistungsdenken hat in meiner Familie Tradition, meine Großeltern haben eine Pension aus dem Nichts aufgebaut, das komplette Haus gezimmert, mein Opa arbeitet mit 85 Jahren immer noch vollzeit. Meine Mutter quält sich mit Krankheit zur Arbeit, einmal hat sie eine Erkältung so lange verschleppt dass sie eine schwere Lungenentzündung bekommen hat und im Krankenhaus behandelt werden musste. Ich will das Muster durchbrechen, aber auch ihnen gegenüber fühle ich mich gezwungen mich zu rechtfertigen.

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[TLDR] Re: Umgang mit dem Leistungsanspruch/ Selbstwert (#26 2017)

Beitrag von anta6on » Mittwoch 28. Juni 2017, 08:07

Hallo ihr Lieben,
einige haben hier ja schon den Standpunkt betont, dass Leistungsanspruch mit sehr viel Druck und eigenen Glaubenssätzen verbunden sein kann und in Folge auch dazu führen kann, dass man ausbrennt. Mir ist das sehr vertraut.

Ein Erfahrungsbericht:
In meinem letzten Job war ich Abteilungsleitung und ich habe von Anfang an meine MAs immer wieder auf Burn-out-Prävention hingewiesen und an sie appeliert, dass sie bitte die Möglichkeit von Krankenstand wahrnehmen sollen, nämlich auch im Intersse aller Beteiligten. Das tat ich auch, weil es die Regel war, dass die MAs krank in die Arbeit gekommen sind und ich sie nach Hause schicken musste. In Gesprächen hat sich herausgestellt, dass die Leute
-erstens selber kaum einschätzen konnten, ab wann ein Krankenstand angebracht, wohlmehr gerechtfertigt, wäre,
-zweitens sie es aus Unsicherheit gebraucht haben, dass ich als Leitung und die Kolleg*innen aus dem Umfeld den Zustand bestätigen (Hey, du hustest und rotzt - geh bitte zum Arzt!) und
-drittens hatten die Leute reale Angst als Betrüger*innen oder als Weicher*innen bezeichnet zu werden.

In den zwei Jahren die ich dort war hat sich das leider nicht gelegt, obwohl wir einen offenen und respektvollen Dialog in unseren Gesprächen hatten und als Menschen im Betrieb wahrgenommen wurden.
Ausnahmslos alle, mich eingeschlossen, haben berichtet, dass es ein schlechtes Gewissen auslöst, in den Krankenstand zu gehen.

Als ich meinen Nervenzusammenbruch hatte und mein Arzt mit mir tacheles geredet hat, bin ich mit größter Unsicherheit im zwei Wochenrhythmus in KS und dann wieder arbeiten gegangen, weil ich real das Gefühl hatte, die Leute im Stich zu lassen wenn ich nicht da bin. Die Gesamtbetriebssituation war damals leider im totalen Umbruch (harter Kampf zwischen Betriebsrat und Geschäftsführung) und es waren in allen Abteilungen die Leute häufig krank, zum Teil bereits im Burn-out ohne es sich eingestehen zu wollen, das Misstrauen untereinander wurde immer größer und alle hatten Angst wie es weiter gehen wird.

Eine Freundin von mir hat mit mir damals auch ein ernstes Wörtchen gesprochen und mir klar gemacht, dass ich nur dann für meine Aufgaben von nutzen bin, für andere da sein und ihnen Stabilität vermitteln kann, wenn ich gesund bin und selber stabil bin. Mein Therapeut hat mir keinen zusätzlichen Druck gemacht und das war auch gut so, er hat es positiv bestätigt, wenn ich in den KS gegangen bin und im Grunde meine komplexe Situation verstanden - das war sehr hilfreich.

Mit der Zeit hatte ich kein schlechtes Gewissen mehr und ich bin leichter in die Krankenstände gegangen, weil ich erstens gemerkt habe, dass der Laden nicht innerhalb von ein paar Wochen zusammen fällt und mir meine Bedürfnisse und das Um-mich-kümmern wichtiger wurden. Je mehr es mir leichter fiel und ich es schaffte mich etwas zu erholen, desto öfter habe ich Anspielungen von anderen Abteilungsleiter*innen gehört, dass ich wohl einfach keine Lust hatte zu arbeiten. Ich bin auf das nicht eingestiegen, habe niemandem erklärt wie meine Situation aussieht, habe nur betont, dass meine gesundheitliche Verfassung eben so ist.
Es war damals sehr wichtig mich klar abzugrenzen, ich schaffte das nur mit Therapie im Nacken - buoah! wenn ich daran zurück denke...das war so mühsam... :puke-front:

Heute:
Ich habe jetzt seit meinem letzten Job 1 1/2 Jahre Pause gehabt und immer wieder mal Phasen erlebt in denen ich voller Aufregug war, wie es weiter gehen soll. Wie ich es schaffen soll, meine Existenz in Zukunft abzusichern. Ich habe den Wunsch wieder berufstätig zu sein, aber ich kann nicht so wie früher weiter machen - es hat sich viel geändert, meine Bedürfnisse hinsichtlich dem sozialen Umfeld, der Sinnhaftigkeit meiner Betätigungen, meinem persönlichen Raum, meiner Integrität und genügend Erholung zu finden, haben sich stark gewandelt.
Ich gehe nicht zu meiner alten Firma zurück, das passt einfach nicht mehr. Ich habe eine Ausbildung begonnen und orientiere mich neu - in meinem Tempo aber auch entsprchend meiner Bedürfnisse. Es ist an und für sich eine Umbruch- und Entscheidungsphase in der ich mich aktuell befinde.

Bezüglich meinem gesundheitlichem Zustand habe ich manchmal Angst, dass sich dieser wieder verschlechtern könnte - das ist dann der Fall, wenn ich im Rahmen der Traumatherapie diese schweren Erlebnisse, die voller Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit erfüllt waren aufarbeite, dann geht´s mir schon mal 2-3 Wochen nicht gut, bin depressiv und ich muss mir dann immer sehr klar bewusst machen, dass schon alleine mein Brot zu backen eine tolle Leistung ist, die auch im Sinne meiner Bedrüfnisse abläuft :cry: .

Wenn diese Phasen vorüber sind, dann traue ich mir wieder mehr zu und bin zuversichtlicher, dass ich wieder Gestalterin meines Lebens sein kann.
:eusa-shifty:

sahara
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Re: Umgang mit dem Leistungsanspruch/ Selbstwert (#26 2017)

Beitrag von sahara » Mittwoch 28. Juni 2017, 13:55

Der Liedtext "Sklave" berührt mich.
Ja, man krankt an den Ansprüchen der anderen, aber eher an den eigenen Ansprüchen,
zumindest ist es wohl bei mir so. Ich habe einen guten Job gehabt und durch das Aufbrechen der "Vergangenheitskiste"und die eigene Konfrontation mit dem Erlebten musste ich für mich einstehen und die Notbremse ziehen. Auch , weil ich dort, wo ich gearbeitet habe,erhobenen Hauptes gehen wollte. Meine Psychiaterin hat mir da sehr zur Seite gestanden.
Fazit ist, dass ich lange Jahre über Leistung mich definiert habe und es auch ein Überlebensmodus war. Das anzuerkennen war sehr wichtig. Dies funktionierende Krankenschwester und dann die Abteilungsleitung gab unheimlich Stabilität, als die Arbeit dann sehr strukturiert möglich war.
Heute ist es anders. Ich bin erwerbsunfähig eingestuft. Das knabbert am Selbstwert.
Mein Leistungs_ICH ist frustiert und wohlmöglich beleidigt.
Es fällt mir schwer vor anderen da für mich einzustehen und zu sagen, dass ich gerade an einer anderen Baustelle arbeite. Ich habe eine Auszeit. Wenn ich es so sehe , fällt es mir leichter.
Was kann ich für mich tun, damit es wieder selbstbewusster wird, mein Leben? Anerkennen , dass es eine gute und wichtige Zeit war. Anerkennen, dass es weh tut, dieses nicht mehr leisten zu können. So etwas wie Trauer zulassen wäre wohl gut.Mehrfach war das schon spürbar und es rollten sogar ein paar Tränen.
Ich bin etwas Wert, einfach weil ich bin....
Für meine Familie da, für die Freunde, die geblieben sind,ein wertvoller Mensch. Das wird mir gespiegelt.
Aber etwas im Innen sagt sehr laut sehr negative Dinge über mich und meine Innenanteile, die Schwäche zulassen wollen und die Leistungsminderung in der realen Welt nicht als KO Kriterium sehen ,sondern als Chance auf innere Veränderung. Veränderung aus den verhärteten Strukturen, endlich das eigene Bedürfnis nach Gesehen werden und sehen wollen, fühlen wollen.
Die Anerkennung, dass auch andere Menschen Handicaps haben und denen natürlich und selbstverständlich genau so ein Wert zu sein zugestanden wird, wie allen anderen Menschen, zeigt ja die Gedankenfalle .in der ich mich befinde.
Der faire Blick auf eine Freundin oder eine andere Person spiegelt das verzerrte Selbstbild. Wenn man die dann fragt und sie die gleichen Fragen beantworten lässt zu einem selbst, ist es plötzlich anders.
Die sieht einen mit anderen Augen und plötzlich ist die Arbeitsleistung nur ein Bruchteil dessen, was der wichtig ist an einem.
Mutig zu sich sein und den alten Glaubenssätzen entgegen treten , sie für sich selbst beantworten, was ist dran an dem Satz, " ich leiste nichts mehr" ????
Allerdings muss man diese Sätze erst mal für sich identifizieren. Und dann entschärfen, wie eine Mine die immer mal wider hoch geht. Es geht nur langsam.
Für mein Leistungs_ICH oft zu langsam. Mit Druck erreiche ich nichts mehr, eher behindere ich den inneren Prozess. Dann strafe ich die Anteile, die sich echt Mühe geben, sich im Inneren zu äußern und ihre Bedürfnisse anzumelden. Es geht nur zusammen, dass habe ich schon festgestellt. Wir sind alle etwas Wert, im Außen und im Innen. Alle habe zum Leben etwas beigetragen.
Jeder Mensch hat seine Rollen und seine Aufgaben. Die können wechseln. In unserer Leistungsgesellschaft allerdings stehe ich im Abseits, wenn ich nicht selbst dafür sorge gesehen zu werden und für mich einzustehen.
Mich selbstbewusst zu zeigen und zu sagen, ja , derzeit ist es so, es kann sich ändern. Und daran arbeite ich.
Nicht das Leistungsdiktat der Gesellschaft erfüllen, auch wenn einige im Innen da sofort alles geben würden, da wieder anerkannt zu werden.
Kleine Ziele setzen, hat die Therapeutin versucht zu vermitteln, Druck rausnehmen ... Schwer, aber vielleicht der einzig mögliche Weg um nicht ständig ins Aus zu gehen und dann tagelang nichts mehr zu können.
Ich darf so sein, wie ich bin. Mit all den Schwierigkeiten, aber auch den großen Stärken....
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Re: Umgang mit dem Leistungsanspruch/ Selbstwert (#26 2017)

Beitrag von fauna » Mittwoch 28. Juni 2017, 14:26

Herzlichen Dank, liebe Sahara, für das Thema! :)
Herzlichen Dank allen für die offenen Statements! :)

Selbstwert und Leistungsfähigkeit waren für mich Dauerbrenner, der mich sehr leiden liessen. - Es war aber auch das grosse Thema der letzten beiden Jahre, dem ich mich widmete in meiner persönlichen Entwicklung.

Heute beschäftigt mich vor allem die Frage "Genüge ich mir selber?" "Und welches sind meine eigenen Bedürfnisse, Werte und Ziele?" - Oft lasse ich mich noch ablenken von Leistungsansprüchen der Gesellschaft oder auch von wichtigen Bezugspersonen aus meiner Kindheit. Dann tut es sehr weh und in meinem Kopf wird es leer oder wattig. Die frühere Erstarrung klopft an. Mittlerweile kann ich das oft und immer öfter als Zeichen dafür nehmen, dass es Zeit ist achtsam mit den obigen beiden Fragen umzugehen und mich auf diese auszurichten.

Meistens werden dann mehr oder weniger heftige, unangenehme und/oder schmerzhafte Gefühle ausgelöst. Diesen Versuche ich freundlich zu begegnen. Im Buch "Mitfühlend leben" habe ich eine Art Mantra für mich gefunden:
Dies ist ein Moment des Leidens.
Leiden gehört zum Leben.
Lass mich hier und jetzt freundlich und liebevoll mit mir umgehen.
Das hilft mir. Auch durchatmen. Die alten Gedanken und Gefühle klopfen immer wieder an. Es gibt so viele Auslöser auf dieser Welt... - Doch mit einer geduldigen, vertrauensvollen Haltung mir selber gegenüber komme ich am besten vorwärts. - Je mehr ich mich mit diesen Themen (Selbstwertgefühl und Leistungsansprüche) beschäftige, sie analysiere, desto mehr komme ich ins Rotieren und Leiden. Es ist besser für mich, wenn ich diese Gedanken hinterfrage und mich auf das ausrichte, was ich wirklich möchte: ein friedvolles, erfülltes Leben.

Liebe Grüsse
Fauna
Vielleicht kann ich zu etwas Neuem beitragen. Vielleicht kann ich mehr Energie aufbringen und mehr teilhaben. Vielleicht besitze ich mehr Kraft, als ich mir vorstelle.

Vertrauen ist eine Entscheidung!

Ich bin ich - und ich mag mich! :)

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