Umgang mit dem Leistungsanspruch/ Selbstwert (#26 2017)

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Im Wochenthema wird jede Woche ein bestimmtes Thema besprochen.
anta6on
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Re: Umgang mit dem Leistungsanspruch/ Selbstwert (#26 2017)

Beitrag von anta6on » Mittwoch 28. Juni 2017, 17:47

Wenn Leistung immer mit Bewertung gleichgesetzt wird, fällt mir dazu noch ein sinngemäßes Zitat von Augusto Boal (Gründer des Theaters der Unterdrückten) ein:
Der Unterdrückte muss glauben unterdrückt zu sein, um unterdrückt werden zu können.

Ja, es gibt eine Gesellschaft, einen Arbeitsmarkt, eine Wirtschaft die etwas repräsentieren und Einfluss auf das Leben der Menschen ausüben.

Jedoch, Leistung ist erst mal ein Verhältnis von aufgebrachter Energie zu einem Ergebnis. Aufgebrachte Energie ist etwas anderes als Zeit, Tempo, Qualität, Quantität und Bewertung und ein Ergebnis kann halt anders ausfallen, als das was man vorher geglaubt hat.

Traumatherapie ist Schwerarbeit und es wird immer wieder betont, wieviel Energie in diese Arbeit investiert wird und der Arbeitsprozess ist immanent, da können schon mal ein paar 24-Stunden-Schichten anfallen und zwar bis man an die Grenzen kommt.

Wir hier sind alle im Hochleistungsbereich, die Frage ist, wie es gelingt auch anderen Lebensbereichen wieder Energie zufließen zu lassen, in welchem Verhältnis das Leben gestaltet werden kann, um wieder glücklicher zu sein und weniger Leid zu empfinden.

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Tafel
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Re: Umgang mit dem Leistungsanspruch/ Selbstwert (#26 2017)

Beitrag von Tafel » Donnerstag 29. Juni 2017, 07:25

Traumatherapie ist Schwerarbeit
das blende ich definitv zu stark aus, obwohl meine Therapeutin es auch immer wieder sagt. Das ist auch eine Leistung, die ich nicht anerkennen kann. Da steckt wohl auch das mangelnde Selbstwertgefühl hinter. Wenn ich hier bei einigen lese, dass ihr Ziel ein friedlicheres, zufriedenes und glücklicheres Leben ist, kann ich das für mich bestätigen. Ich muss für mich etwas klarer herausfinden, was genau das für mich bedeutet und wie ich in kleinen Schritten da hinkommen kann, ohne dass es wieder in Leistungsdruck ausartet. Vielleicht gehört dazu auch so ein Satz "Ich darf glücklich sein".

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fauna
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Re: Umgang mit dem Leistungsanspruch/ Selbstwert (#26 2017)

Beitrag von fauna » Donnerstag 29. Juni 2017, 07:33

anta6on hat geschrieben:Traumatherapie ist Schwerarbeit und es wird immer wieder betont, wieviel Energie in diese Arbeit investiert wird und der Arbeitsprozess ist immanent, da können schon mal ein paar 24-Stunden-Schichten anfallen und zwar bis man an die Grenzen kommt.

Wir hier sind alle im Hochleistungsbereich, die Frage ist, wie es gelingt auch anderen Lebensbereichen wieder Energie zufließen zu lassen, in welchem Verhältnis das Leben gestaltet werden kann, um wieder glücklicher zu sein und weniger Leid zu empfinden.
Das empfinde ich auch so. Ich erlebe es als sehr treffend formuliert.

Für mich ist immer wieder die Antwort auf die Frage wichtig, wofür mache ich es? - Was wünsche ich mir anstelle des alten Leidens? (Mittlerweile, wofür machte ich es?)
Mir hilft es, wenn ich mich weniger gegen das "alltägliche Leid" (Unstimmigkeiten, Unwohlsein, Enttäuschungen etc.) wehre, wenn ich mir also erlaube zu fühlen, es aber wieder loslasse. Solche Dinge (Leiden) gehören zum Leben. Je mehr ich das akzeptiere und erkennen kann, da ist ein himmelweiter Unterschied zu den so krassen und überfordernden Erfahrungen, die ich früher gemacht habe, desto unbeschwerter und vom alten Leid entlasteter gehe ich durchs Leben.
Meine Leistungsansprüche an mich selber beginnen sich sehr zu wandeln, auch was ich als Leistung ansehe. Am vergangen Wochenende war ich auf einem Klettersteig. 3 Stunden Aufstieg, 3 Stunden Rückweg rund um den Berg. Nach der langen Grippe war es sehr anstrengend für mich. Meine Freunde und mein Mann bewältigten das locker. Sie waren nicht krank und sind schlanker, fitter. - Plötzlich bin ich sehr zufrieden mit mir und meiner Leistung. - Neue Erfahrung, die mich schon ein wenig schüttelt... - Sie ist noch etwas ungewohnt. Das Leben fühlt sich so neu an... :)

Es ist aber definitiv ein gutes Gefühl, wenn ich mir selber genüge! - Dann kümmere ich mich um meine eigenen Bedürfnisse, Werte, Wünsche und Ziele - um meine eigenen Leistungsansprüche. Eigentlich, wenn ich richtig darüber nachdenke, übernehme ich erst dann wirklich Verantwortung für MICH.
Vielleicht kann ich zu etwas Neuem beitragen. Vielleicht kann ich mehr Energie aufbringen und mehr teilhaben. Vielleicht besitze ich mehr Kraft, als ich mir vorstelle.

Vertrauen ist eine Entscheidung!

Ich bin ich - und ich mag mich! :)

anta6on
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Re: Umgang mit dem Leistungsanspruch/ Selbstwert (#26 2017)

Beitrag von anta6on » Donnerstag 29. Juni 2017, 09:04

Ein Auszug aus einem Brief, den ich im Rahmen meiner Therapie geschrieben habe - ich vermute mal, dass es der einen und dem anderen bekannt vorkommt:

"Gedanken am 31.05.2017

Ich sehe auch gesellschaftliche Prozesse als MitgestalterInnen

Mir kam es wie ein kolossaler Kugelblitz, dass ich mich in diesem neoliberalistischen Konzept der Selbstoptimierung befinde und es vielen – den meisten – meiner Handlungen zu Grunde liegt, ständig Ver-Besserungsmaßnahmen abzuwägen und aufzugreifen. Ja, ich kann sagen, dass ich kreativ bin, ausprobiere und das prägt ja auch die Handlung an sich, aber das Motiv, die innere Haltung dahinter, ist zutiefst utilitaristisch und mein Wesen ausschließend. Genesung ist keine Kosten-Nutzen-Rechnung. Sie gehorcht keinem Projektplan, sie entwickelt sich, sie hat mit Bewusstwerdung und im Jetzt leben zu tun und sie lässt sich durch Zielsetzungen nicht beschleunigen. Genesung ist kein Optimierungsprozess. Vielmehr ist es ein Einrichten im Jetzt und mit dem eigenen Sosein.
Ich muss nicht zuerst den angestrebten Genesungszustand erreichen bevor ich leben und meine Schritte genießen darf. Dies ist die Kernbotschaft an meine inneren Anteile!

Das Sosein und die Ablehnung

Ich im Sosein, in einem Zustand in dem ich mit vielem unzufrieden bin und einer stetigen Selbstoptimierung entgegenstrebe, mich ablehne und Abwertungen, Negierungen von meinem suboptimalen Sosein als legitim einstufe. Diese Legitimation hat nichts mit freundlicher Selbstakzeptanz von mir als Person, die dies durchlebt, zu tun, es ist ein Legitimieren des Drucks den ich mir mache, der mentalen und emotionalen Misshandlung welche ich an mir selbst betreibe, jedoch in einer Weise, dass das Ausmaß, was das eigentlich zu bedeuten hat und mit mir macht, nicht von mir gefühlt wird. Es ist eine kalte Ratio die mir erklärt, dass es noch ein harter Kampf wird und ich sogar damit rechnen müsse, dass der Kampf noch schlimmer werden kann als das, was ich bisher erlebt habe. Wenn ich in meinem Sosein diesem Streben nicht gerecht werde, dem Druck nicht Stand halte oder schlicht und ergreifend skeptisch in Frage stelle, ob diese Ziele der Optimierung wirklich so viel zum Besseren ändern würden, bricht eine ganzheitliche Debatte in meinem Inneren aus. Nicht nur Ratio – das gesamte System ist im Zustand einer Totalüberlastung und damit verbundener emotionaler und körperlicher Überforderung.

...

Strategien und Regeneration

Das beste Mittel ist mich ins Bett zu kuscheln – ist ein bisschen so, wie wenn ich nach einem Gefecht im Lazarett liege - und ohne mich dabei zu drängen, um mich zu kümmern, freundlich zu mir zu sein, mich festzuhalten, mir den Kopf und die Brust streichle, Anteil nehme an dem was ich durchlebe, wenn dieser enorme Druck sich aufbaut. Mir wieder Mut mache, mir klar mitteile, dass ich erwachsen bin und in der Lage Herausforderungen zu meistern. Dann zeigen sich mir die sensiblen, intuitiven und vertrauenden Teile wieder und ich kann mit ihnen kommunizieren.

Im Grunde geht es auch darum, dass ich an meinem Realleben dranbleibe und meine Wünsche ernst nehme. Mir von vornherein das Leben so zu gestalten, wie ich es im schlimmsten Fall ertragen müsste, beschützt mich nicht vor Verlusten, Enttäuschungen und Machtkämpfen. Ganz im Gegenteil, es würde mich ja genau dahinführen. Wieso sollte sich jemand ein liebloses, kaltes, einsames, ungesundes Leben bewusst erschaffen, das kann niemanden beschützen."
Zuletzt geändert von anta6on am Donnerstag 29. Juni 2017, 11:17, insgesamt 1-mal geändert.

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fauna
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Re: Umgang mit dem Leistungsanspruch/ Selbstwert (#26 2017)

Beitrag von fauna » Donnerstag 29. Juni 2017, 10:25

Ich bin bezüglich den Themen "kein zu hoher Leistungsanspruch an mich selber zu stellen" und "Aufmöbelung meines Selbstwerts" in je eine Falle gelaufen. - Vielleicht sind es auch einfach nur zwei Facetten des gleichen hinderlichen Musters (Schwarz-Weiss-Denken).

Irgendwann konnte ich überhaupt fast nichts mehr tun. Aufstehen war schon Schwerstarbeit, überhaupt einen Tag zu überstehen mit all den Flashs und anderen inneren Zuständen. Runter fahren, nichts tun etc. waren wichtig. Aber meine Angst vor Überforderung wuchs ins Grenzenlose. Ich habe mir fast gar nichts mehr zugemutet. Das hat mir sehr geschadet, denn ich wurde "bequem" und ungeübt im Tun von irgend etwas, auch darin etwas fertig zu machen... Auch wenn ich mich nicht gut dabei gefühlt habe, habe ich kaum mehr etwas wirklich hingekriegt und auch nicht mehr von mir verlangt... - Es wurde zum Muster, dass mir alles zu viel war oder überforderte oder mich reizüberflutete. Ich begann fast nur noch so zu reagieren. Das machte mir das Leben nochmals schwer. Ich konnte nicht unterscheiden, was drin liegt und mich stärkt, was zu viel uns mich schwächt.

Beim Selbstwert war es so, dass ich glaubte, ich müsste zuerst einen guten Selbstwert haben, um wieder etwas tun zu können und mit mir zufrieden zu sein. Das Thema Selbstwert wurde fast zwangshaft und setzte mich sehr unter Druck.

Irgendwann ging mir auf, dass meine Handlungen - ob ich meine eigenen Dinge durch ziehe oder nicht - mein Gefühl, wertvoll zu sein beeinflussen. Meine Lösung ist nach wie vor, möglichst achtsam im Hier und Jetzt zu sein und zu wissen, dass Veränderung dauernd statt findet. So kriege ich mehr mit, was mein Ding ist und was die Wirkung dessen ist, was ich mache (etwas tun, nichts tun, etwas durchziehen, etwas unterbrechen etc.). So wurde ich mit fortgeschrittenem Alter lernfähiger, weil ich meine Gefühle als Rückmeldung meines Systems endlich anerkennen und fühlen konnte und so mehr und mehr lernte, was meine eigenen (Leistungs-)Ansprüche sind und was nicht. Das stärkt mein Selbstwertgefühl enorm. (Ich war dem Irrtum verfallen, dass mein aktueller Selbstwert vom Verhalten meiner früheren Bezugspersonen abhängig ist.) Ein besseres Selbstwertgefühl war sozusagen eine "Nebenwirkung".
Vielleicht kann ich zu etwas Neuem beitragen. Vielleicht kann ich mehr Energie aufbringen und mehr teilhaben. Vielleicht besitze ich mehr Kraft, als ich mir vorstelle.

Vertrauen ist eine Entscheidung!

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Re: Umgang mit dem Leistungsanspruch/ Selbstwert (#26 2017)

Beitrag von anta6on » Donnerstag 29. Juni 2017, 12:08

Liebe Fauna,

ich weiß nicht, ob das für viele Menschen so gelten kann, jedoch habe ich festgestellt, dass ich für meine Entwicklung auch diese erschütternden Erkenntnismomente gebraucht habe, in denen ich erkannt und gespürt habe, wie ich unbewusst meinen Selbstwert klein halte und mit mir so lieblos und grausam ins Gericht gehe, weil Erwartungen für die Gestaltung des Lebens nicht erfüllt wurden.

Diese Erkenntnisse waren für mich in den Augenblicken selbst nicht erleichternd, ganz im Gegenteil, die haben weh getan und ich habe mir gedacht, dass ich mich da nie herausentwickeln können werde, dass sich immer wieder etwas in mir drinnen einschalten wird, dass mich täuschen und doch wieder meiner Würde und Bedürfsnisse berauben wird. Das war gewissermaßen ein Misstrauensantrag an mich selbst. Ziemlich hart.

Diese Druck erzeugenden Mechanismen wurden auch von sehr vielen Überzeugungen gespeist, die ich mir auf Grund von Botschaften aus meinem Umfeld und einiger Erlebnisse (nicht nur der traumatisierenden, sondern auch emotional etwas intensiveren als alltägliche) zurecht gelegt hatte. Als mir das klar wurde, wurde mir übel und ich war stimmungsmäßig in einer verzweifelten und bitteren Wut.

Ich war so stark mit meinen wütenden, enttäuschten und zerstörerischen Anteilen konfrontiert, dass ich dachte ich gebe auf - ich kann mich nicht noch mal raus hiefen. Ich war so erschöpft.

In der Phase habe ich mit MSC gearbeitet, oft genug laut heulend ausgerufen, was das eigentlich bringen soll und mein Therapeut hat mich da auch sehr unterstützt - der hat ein gutes Gespür dafür, wann paradoxe Interventionen bei mir angesagt sind ;)

Es hat sich in letzter Zeit etwas verändert. Da beobachte ich noch, es ist jeden Falls eine deutliche und tiefer greifende Veränderung. Ich schau innerlich auf meine Unvollkommenheit und da ist eine Gelassenheit dazu gewachsen - die ist richtig angenehm rund - wenn ich angeblich schon so unvollkommen bin, tja dann...

Ich meine das ernst, dass bemerke ich noch nicht lange. Das heißt ja nicht, dass ich nicht nochmal ein paar heftige Stunden und Phasen in der Therapie erleben werde - doch diese Gelassenheit ist eine Kraft und Schutz zugleich, wie wenn ich mit dem Heissluftballon monatelang und gerade noch durch eine schwarze, dichte Wolkendecke durchgeflogen wäre und plötzlich darüber hinaus steige, und die warme Sonne mir entgegen scheint.

Das ist fast schon absurd...doch ich finde das ist auch ein Bild, dass diese enormen Bewegungen, Unsicherheit und Herausforderungen der Traumatherapie verdeutlicht.

Wenn wir davon ausgehen, dass Genesung mit dem "im Jetzt sein" zu tun hat, dann ist im Grunde der totale Schmerzzustand, welcher im Flash einer Erinnerung entstammt, bereits zum Teil im Jetzt, denn es wird ja jetzt gespürt und durchlebt. Im Traumamoment oder -phase wird abgestellt, totgestellt, nicht gespürt. Ich brauche zu einem gewissen Grad in der Genesung das Spüren vom Leid, welches mir wiederfahren ist und ich betrachte es als die Person, die ich heute bin, deswegen ist es bereits eine "im Jetzt sein"-Qualität.

Das ist auch so ein Schwerarbeit-Aspekt
;)

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fauna
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Re: Umgang mit dem Leistungsanspruch/ Selbstwert (#26 2017)

Beitrag von fauna » Donnerstag 29. Juni 2017, 13:44

Liebe anta6on

Mir geht es sehr ähnlich! -

Es ist für mich wie ein Erwachsen aus einem bösen Traum. Die Gefühle sind noch da, aber sie gehören zum Traum und dessen bin ich mir sehr bewusst, auch wenn es weh tut.

Liebe Grüsse
Fauna
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Ich bin ich - und ich mag mich! :)

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